HiN - Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (ISSN: 1617-5239)

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HiN XV, 28 (2014)

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Dominik Erdmann, Christian Thomas

„… zu den wunderlichsten Schlangen der Gelehrsamkeit zusammengegliedert“.*
Neue Materialien zu den ‚Kosmos-Vorträgen‘ Alexander von Humboldts,
nebst Vorüberlegungen zu deren digitaler Edition
 

 

Zusammenfassung

Alexander von Humboldts 1827/28 gehaltene Kosmos-Vorträge stellen ebenso einen kanonischen Bezugspunkt wie einen weißen Fleck in der Rezeption seines Schaffens dar. Zahlreiche Deutungen basieren auf lediglich zwei unkommentierten Leseausgaben von Collegheften anonym gebliebener Zuhörer Humboldts. Seine 2009 wiedergefundenen eigenhändigen Vorlesungsmanuskripte versprechen, diese schmale Quellenbasis zu erweitern. Alfred Dove hatte bereits 1872 auf ihre Existenz verwiesen und interpretierte sie damals als Nukleus der schriftlichen Ausarbeitung des Kosmos. Diese Sichtweise hat sich in der Rezeption gehalten, während die Materialien, die Dove beschrieb, in Vergessenheit gerieten. Der Artikel stellt anhand ausgewählter Beispiele die Vorlesungsmanuskripte Humboldts und Nachschriften seiner Zuhörer in ihrem Zusammenhang vor, entwickelt die These von der Eigenständigkeit der sogenannten Kosmos-Vorträge gegenüber dem fünfbändigen Kosmos und umreißt die wichtigsten Ziele und Inhalte der geplanten digitalen Edition.

Abstract

Alexander von Humboldt’s famous Kosmos-Lectures, presented in 1827/28, constitute a major benchmark as well as a blind spot in the reception of his work. Numerous interpretations are based on merely two uncommented textbook editions of notes made by anonymous listeners. Humboldt’s own lecture manuscripts, rediscovered in 2009, promise to extend the sources of interpretation. Already in 1872, Alfred Dove gave a hint to the existence of these papers. At that time, he regarded them as the nucleus of the later published Kosmos. This perception persisted up to recent times, while the existence of the papers on which Dove alluded, fell into oblivion. The article presents examples of Humboldt’s own lecture manuscripts together with notes made by his listeners. It develops the thesis of the autonomy of Humboldt’s Kosmos-Lectures towards the Kosmos, but at the same time points to aspects of continuity between the two. Furthermore, it will outline some major ambitions and contents of the project of their digital edition.

Résumé

Les cours ‘Kosmos’ donnés en 1827/28 par Alexander von Humboldt, bien que mal connus jusqu’alors, représentent un repère canonique dans la réception de son œuvre. De nombreuses interprétations sont basées uniquement sur les transcriptions non commentés de deux auditeurs anonymes. Ses manuscrits personnels retrouvés en 2009 promettent d’élargir cette faible source. Alfred Dove y avait déjà fait référence en 1872 et les interprétait à l’époque comme le germe de la rédaction du Kosmos. Ce point de vue a persisté dans la réception, alors que les sources que Dove décrivait tombaient dans l’oubli. L’article présente les manuscrits de Humboldt et les notes de ses auditeurs dans leur contexte à l’aide d’exemples choisis ; il développe la thèse de l’indépendance des cours ‘Kosmos’ par rapport au Kosmos en cinq tomes et résume les objectifs et le contenu de l’édition numérique prévue.

* * *

Forschungsstand und Quellenlage zu den ‚Kosmos-Vorträgen’ Alexander von Humboldts

Abb. 1: Alexander von Humboldt: Vorlesungsmanuskript der 59. Stunde (Zyklus an der Berliner Universität) zum Thema „Menschenracen“ (SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, Gr. K. 13, Nr. 15, Bl. 33a)
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Beachtet man die große Zahl der Äußerungen und Kommentare – sowohl von namhaften Zeitgenossen als auch von Nachgeborenen – zu jenen öffentlichen Vorlesungen, die Alexander von Humboldt im Wintersemester 1827/28 hielt, lässt sich ihre Bedeutung als zentrales Ereignis sowohl in Humboldts eigenem Leben und Schaffen als auch für die Wissenschaftsgeschichte insgesamt erkennen. Der großen Aufmerksamkeit, welche diese so genannten Kosmos-Vorträge[1] erfahren haben, steht gleichwohl eine überaus prekäre Quellenlage gegenüber, auf der bis heute mehrheitlich die Aussagen über jenes Ereignis beruhen.

Der Forschung und einem breiteren Publikum wurde der Inhalt der Vorträge erstmals 1934 bekannt. Unter dem Titel „Alexander von Humboldts Vorlesungen über physikalische Geographie nebst Prolegomenen über die Stellung der Gestirne“[2] ließ der Berliner Verlag Miron Goldstein eine knapp 200 Seiten umfassende, unkommentierte Leseausgabe der 61 Universitätsvorlesungen erscheinen. Die Quelle der Edition – ein akkurat, jedoch von anonymer Hand geschriebener, gebundener Band – hat sich in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK) erhalten und ist dort einsehbar.[3]

Ebenfalls aus den Beständen der SBB-PK stammt die einzige weitere bisher veröffentlichte Nachschrift der Vorträge.[4] Diese 1993 erschiene Edition ist in der Forschung besser bekannt als der Text von 1934, wird öfter zitiert und offenbar als maßgebliche Quelle zu den Kosmos-Vorträgen betrachtet. Auch hier basiert der Haupttext auf der gebundenen Reinschrift eines anonym gebliebenen Hörers.[5] Inhaltlich bezieht sich diese Nachschrift auf den zweiten Vortragszyklus, den Humboldt ab Dezember 1827 parallel in der der Universität benachbarten Singakademie absolvierte. Humboldt sprach dort zu den gleichen Themen wie an der Universität. Allerdings verdichtete er den Stoff auf 16, diesmal jedoch zweistündige Vorträge, während er an der Universität jeweils eine Stunde sprach.[6] Die Herausgeber bereicherten die Ausgabe um ein Vorwort, eine Zeittafel zum Leben Humboldts, ein kurzes Literaturverzeichnis und Personenregister, verzichteten aber gleichfalls auf eine ausführliche Kommentierung des Textes.

Die Frage, ob sich aufgrund dieser Quellenlage – zwei unzureichend kontextualisierte, unkommentierte Nachschriften anonymer Hörer, die zudem zwei unterschiedliche Veranstaltungen verfolgten – gesicherte Erkenntnisse über die Vorlesungen gewinnen lassen, liegt daher nahe. Um zu solchen Erkenntnissen zu gelangen, erscheint die Erschließung weiterer Quellen aus dem Umfeld der Vorträge als eine unverzichtbare Voraussetzung. Glücklicherweise konnten im Rahmen der Dissertationsvorhaben der Verfasser dieses Artikels mehrere, zum Teil bislang unbekannte Nachschriften identifiziert werden, zudem wurden bei Archivrecherchen in dem an der SBB-PK verwahrten Nachlass Alexander von Humboldts eigenhändige Aufzeichnungen zu seinen Kosmos-Vorträgen (wieder-)entdeckt. (Siehe exemplarisch Abb. 1.)[7]

Die Dokumente versprechen ebenso nähere Aufschlüsse über den Inhalt beider Vortragszyklen wie über deren Zusammenhang untereinander und ihr Verhältnis zu dem ab 1845 erscheinenden Kosmos und anderen Publikationen Humboldts zu geben.

Bislang unbekannte Aufzeichnungen Humboldts zu den Vorlesungen 1827/28

Bis vor kurzem ging die Forschung davon aus, dass eigenhändige Aufzeichnungen Humboldts zu seinen Vorlesungen entweder nie existierten oder zumindest nicht überliefert wären. Dieser Annahme folgend, stellte beispielsweise Marie Theres Federhofer fest, dass Aussagen über die „Vorlesungen, zu denen sich keine eigenhändigen schriftlichen Aufzeichnungen Humboldts erhalten haben“, kaum möglich seien.[8] Jedoch wies Alfred Dove bereits 1872, im zweiten Band der von Karl Bruhns herausgegebenen „wissenschaftliche[n] Biographie“, auf eine von Humboldt notierte „Inhaltsübersicht der beiden Vortragscurse“ sowie auf „zahlreiche Quartblätter“ mit „Notizen zu den Vorträgen“[9] hin. Deren Existenz und der Ort, an dem sich diese Übersichten und Notizen finden, gerieten offenbar in Vergessenheit. Dies erstaunt umso mehr, als dass sie einen Teil der bekannten Materialsammlung Humboldts, seiner sogenannten Kollektaneen zum Kosmos ausmachen.[10] Die Materialien der Kollektaneen sind auf 13 Kästen verteilt, innerhalb derer sie in zahlreichen beschrifteten Mappen und Untermappen grob nach Themengebieten und Sachbezügen sortiert wurden. Sie stellen der Form nach einen sehr speziellen ‚Zettelkasten‘ dar. In ihm finden sich zahlreiche Briefe von Wissenschaftlern, Forschungsreisenden und Künstlern, Kartenmaterialien, Skizzen, Manuskripte, Publikationsfragmente, Zeitungsausschnitte, eine große Zahl in Konvolute zusammengefasster Notizzettel und weitere Materialien.

Anders als es ihr Beiname ‚zum Kosmos‘ suggeriert, nutzte Humboldt die Kollektaneen nicht allein zur Herstellung dieses einen Textes, sondern gleichfalls für andere Publikationen; überdies enthalten sie auch Ideen und zum Teil weit ausgereifte Vorarbeiten zu nicht verwirklichten Publikationsprojekten. Es finden sich demnach auf der einen Seite die in einem solchen Zettelkasten typischerweise enthaltenen Elemente, also Notizen, Exzerpte, Zeitungsausschnitte usf. Diese sind allerdings nur grob, entlang von Themengebieten systematisiert und nur stellenweise verschlagwortet. Auf der anderen Seite enthalten die Mappen Korrekturnotizen zu bereits gedruckten Schriften sowie Textstufen für geplante weitere Werke und teils für den Druck fertig ausgearbeitete Manuskripte. Zwischen diesen Materialien legte Humboldt auch die Vorlesungsmanuskripte entsprechend ihrer Themenzugehörigkeit ab. Der dadurch scheinbar fehlende Gesamtzusammenhang mag ein Grund dafür sein, warum ihr Vorhandensein nach Dove nicht mehr auffiel. Ein weiterer Grund ist mit Sicherheit aber auch in Humboldts eigenen Aussagen bezüglich des Zusammenhangs zwischen den Kosmos-Vorträgen und dem 17 Jahre später erscheinenden Kosmos zu suchen.

Humboldt im Kosmos über seine Vorlesungen

Aus bisher wenig hinterfragten Motiven war Humboldt mit dem Erscheinen des Kosmos einiges daran gelegen, den Anlass dieser Publikation von dem der Kosmos-Vorträge zu differenzieren, und zwar in zwei verschiedene Richtungen: Einerseits datiert Humboldt die ‚Kosmosidee‘ in die Zeit lange vor den Berliner Vorträgen von 1827/28 zurück – beispielsweise in seinem Anfang der 1850er Jahre verfassten autobiographischen Artikel für die Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie: „Das Buch vom Kosmos“ sei „nicht die Frucht dieser Vorlesungen“, so Humboldt, „da die Grundlage davon schon in dem, während der peruanischen Reise geschriebenen und Goethe zugeeigneten ‚Naturgemälde der Tropenwelt‘“ liege.[11] Andererseits datiert Humboldt in der Vorrede zum Kosmos dessen Produktion auf einen deutlich späteren Zeitpunkt: „Die ersten vierzig Seiten des ersten Bandes abgerechnet, ist alles von mir in den Jahren 1843 und 1844 zum ersten Male niedergeschrieben.“[12] In diesem Zusammenhang hebt Humboldt zudem hervor, er habe die Vorträge damals in „freier Rede“ gehalten und nichts „schriftlich aufgezeichnet“. Da er auch „die Hefte, welche durch den Fleiß aufmerksamer Zuhörer entstanden sind […] bei dem jetzt erscheinenden Buche auf keine Weise benutzt“ habe, resümiert Humboldt schließlich: „Die Vorlesungen und der Kosmos haben also nichts miteinander gemein, als etwa die Reihefolge der Gegenstände, die sie behandelt.“[13] Diese, wie zu zeigen sein wird, auch aus publikationsstrategischem Kalkül aufgestellten Behauptungen, insbesondere die des Fehlens eigener schriftlicher Aufzeichnungen, dürften maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ihre tatsächliche Existenz in Vergessenheit geriet.

Folgte man allein Humboldts Ausführungen, stünden die Vorträge geradezu isoliert in dessen Werkbiographie: Weder liegt der Zeitpunkt ihrer Präsentation dem der ‚Kosmosidee‘ nahe, noch fällt ihr Inhalt mit dem des Kosmos zusammen. Allerdings ist Humboldts Darstellung im Kosmos in dieser Hinsicht keineswegs so eindeutig: Schon die Bemerkung, die „ersten vierzig Seiten des ersten Bandes“ seien eben nicht wie alles Übrige in den Jahren 1843/44, sondern offenbar früher niedergeschrieben worden, lässt aufmerken. Es handelt sich bei diesen Seiten um die Einleitenden Betrachtungen des Kosmos, jenen Essay, in dem Humboldt ebenso formale wie methodische und poetologische Aspekte seiner ‚physischen Weltbeschreibung‘ niederlegt. Sie markiert er im Untertitel als einleitenden Vortrag der Vorlesungsreihe der Singakademie, wobei er angibt, sie in Teilen überarbeitet zu haben: „Mehrere Einschaltungen gehören einer späteren Zeit an.“[14] Dabei beließ er den Einleitenden Betrachtungen „die Form einer Rede“,[15] womit sich einerseits die wirkungsästhetische Frage nach dem medialen Register stellt, in dem der Kosmos dem Rezipienten entgegentritt,[16] und andererseits die produktionslogische, wie Humboldt ohne schriftliche Aufzeichnungen die Rede 17 Jahre nach dem Beginn der Vortragszyklen noch so detailliert erinnern konnte.

Auch anderweitig stellt Humboldt in der Kosmos-Vorrede Kontinuitäten zwischen den beiden Publikationen her, indem er die Vorträge als konzeptuelle Versuche alternativer Textgliederungen markiert. Sie boten ihm „ein leichtes und entscheidendes Mittel“, „die gute oder schlechte Verkettung einzelner Theile einer Lehre zu prüfen […].“[17] Tatsächlich organisierte er die Vorlesungsinhalte beider Zyklen alternativ: Während er in der Universität auf die Prolegomenen die Geschichte der Weltanschauung und erst hiernach die Darstellung der Erkenntnisse um die physischen Erscheinungen folgen ließ, um mit den Betrachtungen über die „Menschenracen“ zu schließen, stellte er in der Singakademie die wissenschafts- und kunsthistorischen Bemerkungen hintenan. Der Aufbau der letzteren entspricht damit weitestgehend der Grobgliederung des Kosmos. Umso überraschender daher, dass Humboldt in der Vorrede zum Kosmos die Reihenfolge der Universitätsvorlesungen, nicht jene der Singakademie wiedergibt.[18]

Abb. 2: Alexander von Humboldt: Vorlesungsmanuskript der 59. Stunde (Zyklus an der Berliner Universität) zum Thema „Menschenracen“ (Detail) (SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, Gr. K. 13, Nr. 15, Bl. 33a)
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Insgesamt scheint das Verhältnis zwischen Vorlesungen und Kosmos ambig: Zum einen erinnert Humboldt in der Vorrede und den Einleitenden Betrachtungen „an jene längst verfloßne Zeit“,[19] zugleich und im Widerspruch dazu präsentiert er das Geschriebene aber als Neuschöpfung einer späteren Schaffensperiode. Die Gründe für diese fehlende Eindeutigkeit sind letztlich wohl weniger in der Werkgeschichte und der Textgenese des Kosmos zu suchen, sondern lassen sich eher als wohlüberlegte, der Intention nach den Verkauf bzw. die Verbreitung des Werkes fördernde Strategien interpretieren. Humboldt betont sowohl Aspekte der Kontinuität zwischen den Vorlesungen und dem Kosmos als auch den Aspekt der Neuschöpfung und variiert diese Argumentation, wie im Folgenden gezeigt wird, je nachdem, welche Gruppe imaginierter Leser er ansprechen möchte.

Selbstverständlich – und wie dies beispielsweise auch aus einem Schreiben an Johann Georg Cotta hervorgeht – war Humboldt um seine Reputation als Gelehrter bemüht und wollte daher keinesfalls den Eindruck entstehen lassen, er „resumiere 1840 die Naturkunde der Jahre 1827 und 1828.“[20] Faktisch lassen sich inhaltliche Unterschiede zwischen den Vorlesungen und dem Kosmos sowohl in Bezug auf Detail- als auch auf Kardinalfragen beobachten: Humboldt erweiterte beispielsweise im Kosmos die Geschichte der Weltanschauung und deren Unterteilung auf acht Epochen (in den Vorlesungen sind es derer nur sechs); die brisante, damals vieldiskutierte Frage, ob und wie die Menschen in verschiedene ‚Racen‘ unterteilt werden können und die damit in Zusammenhang stehende Frage nach deren anatomischen, zivilisatorischen und kognitiven Differenzen werden völlig unterschiedlich beantwortet.[21]

Zu diesem stetigen Bemühen um Aktualität gesellt sich eine zweite, mindestens gleichwertige, „buchhändlerische“[22] Absicht. Durch die ambivalente Bezugnahme auf die Vorlesungen im Kosmos hoffte Humboldt offenbar, weitere Leserkreise anzusprechen und den Absatz des Buches zu erhöhen:

Es ist bei der grossen Zahl von Zuhörern die ich hier hatte […] ganz local nüzlich, dass einige glauben ‚ich gebe meine Vorlesungen heraus‘ aber für das ganze Deutschland und für die nächsten 30 Jahre in denen mein Kosmos noch von denen gelesen werden kann die Freude an der Natur haben, ist die Erinnerung an Vorlesungen ganz unnüz, nur schädlich.[23]

Wenige Jahre später wird Humboldt in dieser Hinsicht noch um einiges deutlicher: „Die Sache ist nicht ohne Wichtigkeit für den Debit an dem mir sehr liegt, weil ich etwas Vielgelesenes zu liefern wünsche.“[24]

Die Kosmos-Vorträge im Urteil der Zeitgenossen

Abb. 3: Anonym u. Alexander von Humboldt: Diktat zur Geschichte der Weltansicht. „Erste Epoche. Naturphilosophie der Ionischen und Pythagoreischen Schule“ (SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, Gr. K. 8, Nr. 124, Bl. 19r)
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Wenngleich mit dem bisher Gegebenen einige weiter erkundenswerte Differenzen – etwa die Beziehung des einst Gesprochenen und (angeblich) später Geschriebenen – nur andeutungsweise aufgezeigt und problematisiert werden konnten, steht doch eines außer Frage: die Existenz schriftlicher Aufzeichnungen zu den Vorlesungen, die Humboldt zeitlich vor den jeweiligen Stunden verfasste und in den folgenden Jahren vielfach überarbeitete. Bereits in Berichten von Zeitgenossen über deren Besuch der Vorträge wird das Vorhandensein solcher Aufzeichnungen zumindest indirekt belegt: Gabriele von Bülow, eine Nichte Alexander von Humboldts, die seine Vorlesungen in der Singakademie besuchte, schreibt am 1. Februar 1828 an ihren Ehemann Heinrich von Bülow:

Heute war des Onkels Vorlesung wieder unendlich interessant, […] es herrscht eine vollendete Klarheit darin, und eine solche Größe der Ansichten, daß sie wirklich erhebend auf Verstand und Gemüth wirken. Auch wird des Onkels Vortrag immer schöner und freier, er liest auch sehr selten etwas ab, wie zu Anfang, was mir immer nicht angenehm war.[25]

Auch Caroline von Humboldt bestätigt die Verwendung mehr oder weniger ausgearbeiteter Manuskripte für die Vorlesungen und bringt diese zugleich in Verbindung mit dem Projekt ihrer baldigen schriftlichen Publikation. In einem Brief an Alexander von Rennenkampff schreibt sie:

Wir haben ihm sehr zugeredet, die Vorlesungen drucken zu lassen: denn, obgleich er sich natürlich darauf präpariert, Notizen von Namen und Jahreszahlen schriftlich notiert, so extemporiert er doch eigentlich den Vortrag. Er hat es versprochen und auch wirklich begonnen zu diktieren. Aber vor dem Spätherbst könnte ich Ihnen doch keine Hoffnung machen auf Gedrucktsehen und Haben des Buchs.[26]

Ohne Frage steht die Publikationsgeschichte der Schrift, die später den Namen Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung tragen wird, in unmittelbarer Beziehung zu den Vorlesungen. Dies belegen schon die zahlreichen in den Kollektaneen enthaltenen Blätter, die offensichtlich jene Diktate darstellen, die Caroline von Humboldt erwähnt.[27]

Der Zusammenhang zwischen den Vorträgen und dem Druckwerk, den Humboldt später wortreich negiert, ergibt sich weiterhin aus seinen Bestrebungen, jedwede nicht autorisierte Publikation des Gesagten zu unterbinden. Hierzu platzierte Humboldt im Dezember 1827 zunächst eine Notiz in der Spenerschen Zeitung, in der er sich gegen die Veröffentlichung von Mitschriften seiner Vorträge verwahrte:

Obgleich ich der Besorgniß nicht Raum geben möchte, daß Hefte, welche Zuhörer meiner Vorlesungen zu ihrer Erinnerung schreiben, durch Zufall in andere Hände kommen und gedruckt werden könnten, so halte ich es dennoch für besser, hierdurch öffentlich zu erklären, daß ich jede Publikation dieser Art, als einen Eingriff in mein Eigenthum betrachten werde.[28]

Der Argwohn war keineswegs unbegründet. Das Mitschreiben von Vorlesungen zum eigenen Gebrauch und zum Austausch mit anderen war eine weit verbreitete Praxis der Zeit und so haben sich mittlerweile elf, meist in Reinschrift verfasste und aufwendig gebundene Handschriften namentlich bekannter wie anonymer Hörer von Humboldts Vorlesungen auffinden lassen.[29]

Abb. 4: Karol Fryderyk Libelt: Nachschrift der ‚Vorlesungen über physikalische Geographie‘ Alexander von Humboldts. Berlin, 1828. (Biblioteka Jagiellońska Kraków, Handschrift 6623 II), S. 144/145.[30]
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Offenbar bewog dieser Umstand Humboldt letztlich, noch während der Vorlesungen mit seinem Verleger Johann Friedrich von Cotta einen Vertrag über deren Publikation auszuhandeln.

Bereits im März 1828 wurde der erwähnte Vertrag zwischen Cotta und Humboldt geschlossen und die Herausgabe eines Werkes mit dem Titel Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Erinnerungen aus Vorlesungen von Alexander von Humboldt vereinbart.[31] Dieser Vertrag lag – mit einigen später verfassten Erweiterungen – der gesamten Publikation des Kosmos zugrunde.[32] Kurze Zeit nach Übereinkunft mit Cotta veröffentlichte Humboldt – erneut in der Spenerschen Zeitung – eine Notiz, in welcher er die Publikation der Vorlesungen als Entwurf einer physischen Weltbeschreibung von Alexander v. Humboldt. Nach erweiterten Umrissen von Vorlesungen in den Jahren 1827 und 1828 für den Sommer 1829 ankündigte.[33] Bekanntlich erschien die hier in Aussicht gestellte Schrift weder im angegebenen Jahr noch unter dem genannten Titel, in dem die Berliner Vorträge noch deutlich als Grundlage des Drucks markiert wurden. Mit fortschreitender zeitlicher Entfernung distanzierte sich Humboldt inhaltlich und begrifflich immer weiter von den Vorlesungen.

Ungeachtet dessen bewahrte Humboldt seine eigenhändigen Vorlesungsmanuskripte ebenso wie die Diktate auf, nutzte und bearbeitete diese in den Folgejahren intensiv weiter. Der bereits zitierte Alfred Dove gab als erster eine summarische Beschreibung des Umfangs, Inhalts und der Gestalt der Vorlesungsmanuskripte:

Glücklicherweise finden sich […] in seinem Nachlasse einige Zettel von seiner Hand, welche eine gleichzeitig notirte Inhaltsübersicht der beiden Vortragscurse enthalten; aus ihnen hat er dann in der Vorrede zum ersten Bande des ‚Kosmos‘ einen knappen Auszug gegeben. Ausserdem sind jedoch auch noch zahlreiche Quartblätter erhalten, auf die er die Notizen zu den Vorträgen vorher niedergeschrieben; vielfach zerschnitten und beklebt mit unzähligen Bemerkungen aus spätern Jahren, die zum Behuf der Ausarbeitung für den Druck hinzugesammelt worden, bieten sie doch noch, unstilisirt wie sie sind, eine Handhabe, den Gang des Vortrags zu erfassen, und beweisen andererseits an sich aufs deutlichste, dass mindestens die ersten beiden Bände des ‚Kosmos‘ in Eintheilung und wesentlichem Inhalt durchaus auf ihnen beruhen.[34]

Dem phänomenalen Befund folgend und den Selbstaussagen Humboldts trotzend, beharrt Dove ebenso auf inhaltlichen wie auf werkgeschichtlichen Kontinuitäten zwischen Vorlesungen und Kosmos.

Die Praxis der Textproduktion

Abb. 5a: Alexander von Humboldt: Übersicht der Vorlesungsstunden der Universität (SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, Gr. K. 8, Nr. 5a, Bl. 1r)
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Faktisch finden sich sowohl die von Dove beschriebenen Inhaltsübersichten – je eine für die Universität und für die Singakademie – wie auch die Manuskripte in Humboldts Kollektaneen. Allerdings, wie dies oben bereits erwähnt wurde, an verschiedenen Orten des Zettelkastens und damit in unterschiedlichen thematischen Kontexten. Wie schon einmal, bei seinen Reisetagebüchern,[35] hob Humboldt die Einheit des Manuskripts auf und ordnete die Papiere in einer alternativen Weise an. Noch während der Vorlesungen und im unmittelbaren Anschluss daran hatte er sich an die Arbeit gemacht, das Geschriebene erneut in die Dynamik des Schreibens zu überführen, die Sukzession des Notierten und Diktierten aufzulösen, die Papiere zu zerschneiden und mittels Klebepunkten in einer neuen Reihenfolge zu arrangieren. Zudem reicherte er sie über die kommenden Jahre hinweg mit Notizen, eingelegten und aufgeklebten Zetteln an. Im Laufe der andauernden Überarbeitungen entstanden so Manuskriptcollagen, in denen das Geschriebene und die Inhalte nicht mehr allein in der Fläche, sondern dreidimensional organisiert sind und sich palimpsestartig überlagern. Die Manuskripte mussten bei der Durchsicht und bei deren weiterer Bearbeitung jedes Mal entfaltet werden. Die Linearität des Geschriebenen ist permanent aufgebrochen. Die Struktur und die Reihenfolge der Notationen und Zettel behielten dabei fortwährend einen nur vorläufigen Status. Sie konnten jederzeit aufgelöst und das Geschriebene bzw. Hinzugesammelte konnte anders geordnet, oder – was sich an verschiedenen Stellen zeigen lässt – ausgeschnitten und aus dem ursprünglichen Kontext gelöst werden. Die auf den Zetteln verdichteten Daten und Inhalte waren so ständig in Bewegung, gerieten in neue Kontexte und bildeten neue Knotenpunkte innerhalb der Vernetzung aus.

Humboldt löste also das ‚Werk‘ der Vorlesungen – wie sie uns damals wie heute in den in Reinschrift geschriebenen, gebundenen Büchern der Zuhörer entgegentreten – in seine Bestandteile auf und transformierte den einstigen Verlauf in ein dreidimensionales Netzwerk aus Bezügen und Datenrelationen. Dadurch lässt sich aus Humboldts Manuskripten, anders als Dove dies behauptet, der Ablauf der Vorlesungen nun aber keineswegs mehr ersehen oder rekonstruieren. Außerdem lassen sich aus den Papieren, wie gezeigt wurde, nicht ohne Weiteres werkgeschichtliche Bezüge und inhaltliche Kontinuitäten zum Kosmos aufweisen. Nimmt man einen Zusammenhang zwischen beiden an – worauf schon das Vorhandensein der Manuskripte in den Kollektaneen zum Kosmos einen Hinweis gibt – so muss dieser auf einem anderen Feld gesucht werden. Auf diesem, das im Folgenden skizziert wird, haben die Vorlesungen und der Kosmos allerdings mehr miteinander gemein, als nur „die Reihefolge der Gegenstände“.[36]

Abb. 5b: Alexander von Humboldt: Übersicht der Vorlesungsstunden der Singakademie (SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, Gr. K. 8, Nr. 5a, Bl. 3r)
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Humboldts Darstellungsabsicht, die er gleichermaßen in seinen Vorlesungen wie in seinem Kosmos verfolgte, war wesentlich dadurch motiviert, Inhalt und Form der Weltbeschreibung in einen wechselseitigen Bezug zu setzen. Wie er im Kosmos schildert, stimmen die Dynamik der Natur und ihre fortschreitende Entdeckung und Erkenntnis durch den Menschen darin überein, dass sie eine „allgemeine Verkettung, nicht in einfacher linearer Richtung, sondern in netzartig verschlungenem Gewebe“[37] darstellen. An anderer Stelle, doch mit Bezug auf denselben Text, betont er, „ein Buch von der Natur“ müsse „den Eindruck wie die Natur selbst hervorbringen“.[38] Gerade diese Anforderung, die Humboldt 1834 formulierte, also zu einem Zeitpunkt, als der Kosmos noch im Entstehen begriffen war, verweist darauf, dass die Arbeitstechnik mit der Aisthetik des Textes außerordentlich eng verschränkt war.[39]

Betrachtet man die Vorlesungsmanuskripte unter diesen Gesichtspunkten, stellen sie augenscheinlich eine Versinnlichung von Humboldts epistemologischer Konzeption und dem poetischen Programm seiner ‚physischen Weltbeschreibung‘ dar. Derart geben sie in ihrer konkreten Materialität, den erhalten gebliebenen Strukturen und Spuren der Arbeit einen Eindruck der prozessualen Herstellung des Werks. Sie verweisen aber ebenso darauf, dass Form und Inhalt der Schrift mindestens zum Teil Effekte der Schreibhandlungen, Organisationsarbeiten und letztlich der unhintergehbaren Materialität und Eigenwilligkeiten der Papiere sind.[40] Humboldt bediente sich dieser Material- und Schreibeffekte offensichtlich systematisch, lassen sie sich doch für nahezu alle seine hinterlassenen Papiere aufzeigen. Was die Vorlesungsmanuskripte zeigen, betrachtet man sie in ihrer Eigenart als exzeptionellen Bestand innerhalb der Kollektaneen, ist der fundamentale Einfluss des Schreibmaterials und der Schreibpraxis Humboldts auf das Gelingen seiner Weltbeschreibungen, seien sie nun gesprochen oder geschrieben.

Vorüberlegungen zur digitalen Edition der Vorlesungsmanuskripte und Nachschriften

Die Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Kosmos, Kollektaneen, Vorlesungen und Arbeitsweise Humboldts haben direkte Auswirkungen auf die Methodik wie die Präsentation der – mit Blick auf den oben skizzierten bisherigen Forschungsstand überaus wünschenswert erscheinenden – Edition von Humboldts Vorlesungsmanuskripten und den Nachschriften seiner Hörer. Ein solches Vorhaben wird sich in mindestens zweifacher Hinsicht von philologischen Editionsprojekten unterscheiden: Erstens gibt es bei einer Vorlesung kein Werk, das den diskursiven Abgleich mit seinen Quellen erlaubt. Dementsprechend sollte für die Nachschriften keine ‚Leithandschrift‘ definiert werden, sondern diese müssen insgesamt als Netzwerk erschlossen, bewertet und narrativ nichtlinear verknüpft werden, um die Vorlesung als orales historisches Ereignis bestmöglich greif- und damit erforschbar zu machen. Zweitens muss diese Nachschriftenstruktur mit Humboldts Vorlesungsmanuskripten verbunden werden, die bereits in ihrer Materialität als neben- und übereinander montierte Zettel jede lineare Lektüre ausschließen und damit innovative Verfahren der digitalen Präsentation erfordern. Schließlich verweisen die Vorlesungsmanuskripte weniger auf einen aus ihnen hervorgegangenen Text – etwa den Kosmos – als vielmehr auf eine, lediglich durch das Ableben des Schreibers fixierte, Praxis schreibenden Handelns, die zugleich als epistemische Praxis beschreibbar ist.[41] Das Geschriebene lässt sich daher nicht verlustfrei von seinem Schriftträger und dessen spezieller netzwerkartig-verräumlichter Anordnung lösen und in eine eindimensionale, typographische Ordnung überführen. Die Strukturen des Nachlasses verweisen weiterhin ganz grundlegend darauf, dass eine Trennung zwischen ‚Werk‘ und ‚Entwurf‘ für Humboldts Schreiben wenig adäquat erscheint. Das Schreiben und das Geschriebene stehen vielmehr in beständigem Austausch und Übergang. Dies lässt sich nicht allein indirekt aus den erhalten gebliebenen Arbeitsspuren belegen, sondern auch aus den zahlreichen Korrekturnotizen für eine zweite, freilich nie erschienene Auflage des Kosmos, die sich gleichfalls in den Kollektaneen finden.

Bedenkt man dies alles und ruft sich noch einmal die hier beschriebenen, offensichtlichen Wechselwirkungen zwischen der Struktur und der Materialität der Manuskripte, den Praxen der Arbeit und den epistemologischen wie poetologischen Konzepten Humboldts vor Augen, so wird klar, dass die Vorlesungen am besten und dem Material angemessensten digital-vernetzt zu edieren sein werden. Die in dieser Richtung bereits erbrachten Projektvorarbeiten aus den laufenden Dissertationsvorhaben der beiden Verfasser konnten mittlerweile gemeinsam mit dem Institut für Kulturwissenschaft (Prof. Dr. Christian Kassung) der Humboldt-Universität zu Berlin in ein Forschungsprojekt im Rahmen der Exzellenzinitiative überführt werden. Der Schwerpunkt wird dabei zunächst auf der digitalen Verfügbarmachung der Nachschriften liegen. Alle Textzeugen sollen als Faksimile und Volltexttranskriptionen in einem standardisierten, flexiblen Format verfügbar gemacht werden. Zudem sollen die Nachschriften der Hörer untereinander und auch mit ausgewählten Beispielen der eigenhändigen, teils stichwortartigen Vorlesungsmanuskripte Alexander von Humboldts aus dessen Nachlass vernetzt werden. Prinzipiell soll die Edition um mögliche weitere, noch zu identifizierende Nachschriften und für andere, auch Humboldt-eigene Materialien aus dem Umfeld der Vorlesungen erweiterbar sein. Humboldts Kulturtechniken der Vernetzung, Vermittlung und Generierung von Wissen sollen anhand des zum größten Teil unbekannten Materials erstmals sichtbar gemacht werden.

 

Literaturverzeichnis

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Leitner, Ulrike (Hg.) (2009): Alexander von Humboldt und Cotta: Briefwechsel. Berlin: Akademie Verlag. (= Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung Bd. 29)

Schwarz, Ingo (Hg.) (2007): Alexander von Humboldt – Samuel Heinrich Spiker: Briefwechsel. Berlin: Akademie Verlag. (= Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung Bd. 27)

Stauffer, Albrecht (Hg.) (1904): Karoline von Humboldt in ihren Briefen an Alexander von Rennenkampff: Nebst einer Charakteristik Beider als Einleitung und einem Anhange. Berlin: Mittler und Sohn.

Sydow, Anna von (141911): Gabriele von Bülow – Tochter Wilhelm von Humboldts. Ein Lebensbild aus den Familienpapieren Wilhelm von Humboldts und seiner Kinder 1791–1887. Berlin: Mittler und Sohn.

Tiedemann, Friedrich (1837): Das Hirn des Negers mit dem des Europäers und Orang-Outangs verglichen: Mit sechs Tafeln. Heidelberg: Karl Winter.

Virmond, Wolfgang (2011): Die Vorlesungen der Berliner Universität 1810–1834. nach dem deutschen und lateinischen Lektionskatalog sowie den Ministerialakten. Berlin: Akademie Verlag.

Werner, Petra (2004): Himmel und Erde. Alexander von Humboldt und sein Kosmos. Berlin: Akademie Verlag. (= Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung Bd. 24)

Wittmann, Barbara (Hg.) (2009): Spuren erzeugen: Zeichnen und Schreiben als Verfahren der Selbstaufeichnung. Zürich u. a.: Diaphanes.

Zitierweise

Erdmann, Dominik/Thomas, Christian (2014): „… zu den wunderlichsten Schlangen der Gelehrsamkeit zusammengegliedert“. Neue Materialien zu den ‚Kosmos-Vorträgen‘ Alexander von Humboldts, nebst Vorüberlegungen zu deren digitaler Edition. In: HiN - Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (Potsdam - Berlin) XV, 28, S. 34-45. Online verfügbar unter <http://www.uni-potsdam.de/u/romanistik/humboldt/hin/hin28/erdmann-thomas.htm>

Permanent URL unter <http://opus.kobv.de/ubp/abfrage_collections.php?coll_id=594&la=de>


 

* Vgl. Dove 1872, 425f. zu Humboldts nachgelassener Materialsammlung, die dieser in Kästen verwahrte und in Umschlägen und durch beschriftete Trennblätter ordnete: „Die einzelnen Mappen nun bergen in sich zahllose Notizen über die einschlägigen Fragen, Citate von Bücherstellen, einzelne numerische Angaben, oft auch nur gleichsam Anweisungen auf künftige Nachforschungen, wie: ‚Es steht irgendwo bei Griechen, dass Pflanzen bewegungslose Thiere sind!‘ Zu Dutzenden sind alle diese Zettelchen verschiedensten Formats mit den Ecken bald oben, bald unten aneinander geklebt, so dass sie zu den wunderlichsten Schlangen der Gelehrsamkeit zusammengegliedert erscheinen. Manches davon ist bezeichnet als ‚schon gebraucht‘, manches als ‚sehr wichtig‘ oder ‚zunächst!‘, einiges sollte zu ‚Materialien für eine neue Ausgabe des ‹Kosmos›‘ dienen.“

 

[1]  ‚Vorlesung‘ und ‚Vortrag‘ werden im Folgenden synonym verwendet. Es wird erst im Zuge der hier angeregten Forschungen zu klären sein, ob Humboldt eher vorgelesen oder, wie er selbst behauptet, seinen Vortrag frei gehalten hat.

[2]  Anonym 1934.

[3]  Signatur: SBB-PK, Ms. Germ. qu. 2345. Die Veröffentlichung der Bilddigitalisate aus den Beständen der SBB-PK geschieht mit freundlicher Genehmigung der SBB-PK. Wir danken der Leiterin des Referats Nachlässe und Autographen der SBB-PK, Frau Dr. Jutta Weber, für die kenntnisreiche Unterstützung unserer Recherchen in den Beständen der SBB-PK.

[4]  Hamel/Tiemann 1993.

[5]  SBB-PK, Ms. Germ qu. 2124.

[6]  Siehe dazu Virmond 2011, 484.

[7]  Vgl. dazu erstmals Erdmann/Thomas 2010.

[8]  Federhofer 2007, 333 (Hervorhebung der Verf., DE/CT). Vgl. auch Hey’l 2007, 336: „Während sich wohl keine Mitschriften der Pariser Vorträge und der Universitätsvorlesungen erhalten haben, liegt neuerdings eine Reinschrift nach Mitschriften aus der Singakademie im Druck vor.“ Demnach übersieht Hey’l die Nachschrift der Universitätsvorträge, Anonym 1934.

[9]  Dove 1872, 138. Ebd., 137, bemerkt Dove, dass ihm die Originalhandschriften Humboldts vorlagen und er die Vorlesungen und deren Zusammenhang anhand dieser und nicht – „wie sonst üblich“ - anhand von Nachschriften beurteilt. Dabei beschreibt er Materialien aus frühen Vorlesungsstunden, die sich jedoch in den Kollektaneen nicht auffinden ließen. Ausführlich ausgewertet sind die drei Zettel, auf denen Humboldt Daten, Themen und weitere Bemerkungen der einzelnen Vorlesungen für beide Zyklen festhielt. Vgl. SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. K. 8, Nr. 5a. (Siehe auch Abb. 5a und 5b.)

[10]  Die Kollektaneen zum Kosmos sind in der Handschriftenabteilung der SBB-PK einsehbar.

[11]  Humboldt 1853, 757.

[12]  Humboldt 1845, X. Der Volltext dieser Ausgabe ist mittlerweile im Deutschen Textarchiv verfügbar: <http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos01_1845>, abgerufen am 24.01.2014.

[13]  Ebd. (Hervorhebung im Original)

[14]  Ebd., [3].

[15]  Ebd., X–XI.

[16]  Es kann hier nur angedeutet werden, dass Humboldt mit der oratorischen Form weniger werkgeschichtliche Entwicklungslinien anzudeuten beabsichtigte, als er offenbar bestrebt ist, durch die Form der Rede seinem Druckwerk einen lebendigeren Duktus zu verleihen, der in einer wirkungsästhetischen Beziehung zum Inhalt und zur Vermittlungsabsicht des Kosmos steht. Derartiges schreibt er jedenfalls am 21. April 1841 an Varnhagen von Ense, den Humboldt in formalen Fragen bekanntlich als Berater schätzte: „Dem Oratorischen muß das einfach und wissenschaftlich Beschreibende immerfort gemischt sein. So ist die Natur selbst. Die funkelnden Sterne erfreuen und begeistern, und doch kreist am Himmelsgewölbe alles in mathematischen Figuren.“ Vgl. Assing 21860, 92. Zum Verhältnis von Stimme und Schrift in Humboldts Œuvre vgl. auch Ette 2002, 106ff.

[17]  Humboldt 1845, IX.

[18]  Vgl. ebd., XI–XII.

[19]  Ebd., XI.

[20]  Alexander von Humboldt an J. G. v. Cotta. Tegel, 23./30.4.1840 (Leitner 2009, 231). Vgl. auch den Brief Humboldts an J. G. v. Cotta. Berlin, 18.9.1843 (Leitner 2009, 249f.). Zur Titelfindung des Kosmos vgl. Werner 2004, 28ff.

[21]  Details dieser Kontroverse können an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Es sei lediglich erwähnt, dass Humboldt ebenso in den Vorlesungen wie im Kosmos bemüht war, den jeweils aktuellen Stand des gesicherten Wissens um die physischen Erscheinungen wiederzugeben. Dabei referierte er – wenn auch kritisch kommentierend – unter anderem auch solche Positionen, die er von einem humanistischen Standpunkt aus nicht vertrat. Die Diskussion um die ‚Menschenracen‘ kann hier insofern als Präzedenzfall des Zusammenhanges zwischen den Vorlesungen und dem Kosmos angeführt werden, als Humboldt auf Grundlage des zwischenzeitlich geschehenen Erkenntnisgewinns im Kosmos völlig andere Ansichten präsentiert als in den Vorlesungen. Während etwa zur Zeit der Vorlesungen noch von signifikanten anatomischen und kognitiven Unterschieden zwischen dunkelhäutigen und hellhäutigen Menschen ausgegangen wurde, widerlegte Friedrich Tiedemann (vgl. Tiedemann 1837) – auf den sich Humboldt im Kosmos vor allem beruft (vgl. Humboldt 1845, 379f.) – 1836/37 diese Annahmen. Tiedemann bewies empirisch die Einheitlichkeit der menschlichen Hirnanatomie, womit er öffentlich jede ‚wissenschaftliche‘ Legitimation der Sklaverei in Frage stellte. Vgl. zu ‚Menschenracen‘ in Humboldts Manuskripten zu den Kosmos-Vorträgen und in den Nachschriften auch Erdmann/Thomas 2010, 33f.

[22]  Alexander von Humboldt an J. G. v. Cotta. Tegel, 23./30.4.1840 (Leitner 2009, 231).

[23]  Ebd.

[24]  Alexander von Humboldt an J. G. v. Cotta. Berlin, 18.9.1843 (Leitner 2009, 249f.).

[25]  Gabriele von Bülow an Heinrich von Bülow, Berlin, 1.2.1828 (Sydow 141911, 195).

[26]  Caroline von Humboldt an Alexander von Rennenkampff, Berlin 28.1.1828 (Stauffer 1904, 215f.). (Hervorhebung DE/CT)

[27]  Vgl. hierzu etwa SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. K. 8, Nr. 124, Bl. 14–35.

[28]  Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen (Spenersche Zeitung), Nr. 291, 12.12.1827.

[29]  Sieben dieser Nachschriften, darunter auch die Vorlage für Anonym 1934 und diejenige für Hamel/Tiemann 1993, sind verzeichnet in Engelmann 1983, 28, Anm. 106.

[30]  Wir danken der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der BBAW, aus deren Mitteln die vollständige Digitalisierung dieser Nachschrift finanziert wurde. Die Veröffentlichung des Bilddigitalisats geschieht mit freundlicher Genehmigung der Biblioteka Jagiellońska Kraków. Für die Unterstützung bei der Recherche und für fruchtbare Diskussionen über die Gegenstände unserer Promotionsvorhaben danken wir Frau Dr. Ulrike Leitner, Frau Dr. Petra Gentz-Werner und Herrn Dr. Ingo Schwarz.

[31]  Vgl. Dok. 14, Vertrag vom 1./13.3.1828. (Leitner 2009, 643).

[32]  Vgl. Werner 2004, 14f.

[33]  Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen (Spenersche Zeitung), Nr. 90, 17.4.1828. Vgl. auch Schwarz 2007, 250.

[34]  Dove 1872, 137f.

[35]  Vgl. Leitner 2005, 7f.

[36]  Humboldt 1845, X.

[37]  Ebd., 33.

[38]  Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense. Berlin, 24.10.1834. (Assing 21860, 23).

[39]  Vgl. zum Begriff „Aisthetik“ z. B. Böhme 2001; zur relationalen Logik von Humboldts Epistemologie Ette 2002, 163ff.

[40]  Vgl. zu diesen, auch editionsphilologisch beachtenswerten Überlegungen z. B. Giuriato/Kammer 2002.

[41]  Vgl. zum Themenfeld des epistemischen Schreibens die Publikationen des Forschungsprojektes „Wissen im Entwurf“ des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Hierunter vor allem Hoffmann 2008, Wittmann 2009 und Krauthausen/Nasim 2010.

 

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Letzte Aktualisierung: 15 August 2014 | Kraft
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