HiN - Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (ISSN: 1617-5239)

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HiN XV, 28 (2014)

Von Humboldts Hand
From Humboldt's hand
De la mano de Humboldt
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Eberhard Knobloch

Der Briefwechsel zwischen
Alexander von Humboldt und Charles Lyell: ein Überblick

 

 

Zusammenfassung

Der kurze Aufsatz gibt einen Überblick über den erhaltenen Briefwechsel zwischen A. v. Humboldt und Charles Lyell. Er veröffentlicht darüber hinaus einen undatierten, bisher unbekannten Brief Humboldts an Lyell. Der Brief kann mit Hilfe eines Briefes an Pertz datiert werden. Deshalb wird auch dieser Brief zum ersten Mal vollständig veröffentlicht.

Résumé

Le court article donne une vue d’ensemble de la correspondance conservée entre A. v. Humboldt et Charles Lyell. En plus, il publie une lettre sans date et inconnue jusqu’aujourd’hui de Humboldt à Lyell qui peut être datée au moyen d’une lettre à Pertz. Pour cette raison, cette lettre est aussi publiée complètement pour la première fois.

Summary

The short paper gives a survey of the preserved correspondence between A. v. Humboldt and Charles Lyell. Moreover it publishes an undated, hitherto unknown letter of Humboldt to Lyell that can be dated by means of a letter to Pertz. For that reason this letter is also completely published for the first time.

* * *

 

Einleitung

Zu den berühmten Gelehrten unter Alexander von Humboldts Korrespondenten zählte auch der britische Geologe und Evolutionsbiologe Charles Lyell (1797-1875), der Begründer der Geologie als Wissenschaft (Wilson 1973, 575). Sein Hauptwerk waren die Principles of Geology Being an Attempt to Explain the Former Changes of the Earth’s Surface, by Reference to Causes Now In Operation. Die erste Auflage erschien in drei Bänden in den Jahren 1830 bis 1833 (Lyell 1830-1833). Die neunte Auflage erschien 1853 und war die letzte, die Humboldt erlebte und kannte (Stevens 1863, Nr. 6177). Die letzte, zwölfte Auflage erschien in Lyells Todesjahr 1875.

Der freundliche Hinweis von Michael P. Palmer, Claremont (California), auf einen bisher unbekannten, undatierten Brief Humboldts, der in der dortigen Honnold/Mudd Library aufbewahrt wird, war der Anlass, diesen Brief in die erhaltene, bekannte Korrespondenz zwischen Humboldt und Lyell einzuordnen, zu datieren und zusammen mit dem unmittelbar dazugehörigen Brief an Georg Heinrich Pertz zu veröffentlichen.

Übersicht über den Briefwechsel zwischen Humboldt und Lyell

Der bis heute bekannte Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Charles Lyell besteht aus sechs erhaltenen und zwei erschlossenen Briefen. Hinzukommen zwei Schriftstücke, die den Kontakten zwischen den beiden Gelehrten zuzuordnen sind.

1. Lyell an Humboldt, um 1834/35     
(erschlossen aus 2.)

2. Humboldt an Lyell, [Berlin], um 1834/35; Handschrift: Library of the American Philosophical Society, USA: B D25

Inhaltliche Zusammenfassung: Humboldt hat in einer Sitzung der Berliner Akademie der Wissenschaften die erste Auflage von Lyells Principles of Geology gelobt (Stevens 1863, Nr. 6170). Er dankt für Lyells freundlichen Brief. Kleine Meinungsverschiedenheiten ändern nichts an ihrer Freundschaft.

3. Lyell and Humboldt, Ende 1846/Anfang 1847 (erschlossen aus 4.)

4. Humboldt and Lyell, Potsdam, 27.4.1847; Handschrift: Library of the American Philosophical Society, USA: B D25

Inhaltliche Zusammenfassung: Humboldt entschuldigt sich, dass er seine Antwort auf Lyells Brief so lange verzögert hat, den er über Christian Carl Josias Bunsen, den Gesandten Friedrich Wilhelms IV. in London, erhalten hat. Er erwähnt diese Antwort, die er über Bunsen Lyell zustellen lässt, in seinem Brief an Bunsen vom 26.4.1847 (Bunsen 1969, 97). Er hat Lyell vor langer Zeit in Paris getroffen. Tatsächlich langte Lyell am 25. Juni 1823 in Paris an, wo er zwei Monate blieb und Humboldt kennen lernte (Wilson 1973, 564). Er wünscht sich, ihn in Sanssouci zu empfangen. Er habe eine Vorliebe für Darwin. Lyell möge diesem seine Grüße ausrichten.

5. Lyell an Humboldt, ohne Ort, 9.5.1854; Handschrift: Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz, Nachlass Alexander von Humboldt gr. K. 2, Mappe 3, Nr. 82

Inhaltliche Zusammenfassung: Adolph Schlagintweit hat Lyell in London mitgeteilt, dass Humboldt von Lyell Informationen über die Kanarischen Inseln wünscht. Lyell berichtet ausführlich über seine Forschungen auf Madeira und jenen Inseln.

6. Humboldt an Lyell, [Berlin, 1.3.1855], Handschrift: Honnold/Mudd Library, Claremont, USA

Datierungsbegründung und inhaltliche Zusammenfassung: Humboldt bittet Lyell, ihn in dessen Berliner Hotel zu empfangen und ihn dessen Frau vorzustellen, oder schlägt ein Treffen bei Georg Heinrich Pertz vor, dem Oberbibliothekar der Königlichen Bibliothek in Berlin. Genau über diese Bitte bzw. diesen Vorschlag berichtet er Pertz in einem auf den 1. März 1855 datierten Brief mit den Worten: “Ich habe eben diesen Morgen den vortreflichen Sir Charles Lyell gebeten,“ usf. Da also die Briefe an Lyell und Pertz unmittelbar zusammengehören und sich wechselseitig erläutern, werden beide Briefe im Folgenden mit freundlicher Genehmigung der Honnold/Mudd Library und der Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz zusammen veröffentlicht.

7. Humboldt an Lyell, Berlin, 25./26. ohne Monat, [Frühjahr 1855]; Handschrift: Library of the American Philosophical Society, Philadelphia, USA: B D25

Datierungsbegründung und inhaltliche Zusammenfassung: Humboldt beeilt sich, Lyell erbetene Unterlagen und Informationen zu schicken, darunter eine Seite aus dem Kosmos. Der Brief ist kurz nach Lyells Aufenthalt in Berlin im März 1855 verfasst. Denn Humboldt beklagt sich, weniger als seine Freunde von Lyells Aufenthalt profitiert zu haben. Er steht noch ganz unter dem Eindruck von Lyells Besuch.

8. Humboldt an Lyell, Berlin, 6.6.1855; Handschrift: Library of the American Philosophical Society, Philadelphia, USA: B D25

Inhaltliche Zusammenfassung: Humboldt beschreibt seine Lektüre des Manual of Elementary Geology (Lyell 1855; Stevens 1963, Nr. 6178) und verteidigt sich gegen eine Kritik Lyells (Lyell 1855, 623). Die Lektüre der neunten Auflage der Principles of Geology  (Lyell 1853) müsse er auf eine Zeit aufschieben, wo er mehr Zeit habe.

Schriftstück 1: Passierschein für Lyell vom 11.8.1850, ausgestellt von Humboldt auf  Befehl des Königs Friedrich Wilhelm IV., gültig für Sanssouci; Handschrift: Library of the American Philosophical Society, Philadelphia, USA: B D25

Schriftstück 2: Billett für Lyell (Berlin 1855?), das einem Brief an Humboldts Pariser Verleger Jules Renouard beigelegt war; Nachweis: Auktionskatalog 681 J. A. Stargardt vom 28. und 29. Juni 2005, S. 194, Nr. 469

Schlussfolgerung

Der Briefwechsel ermöglicht genauere Rückschlüsse auf persönliche Treffen zwischen Humboldt und Lyell und zeigt, in welch starkem Maße beide Gelehrte die Veröffentlichungen des Partners zur Kenntnis genommen haben. Humboldt und Lyell trafen sich außer bei den häufigen Zusammenkünften im Juni/August 1823 in Paris (Lyell, K. M. 1881 I, 125) mindestens je einmal in Potsdam bzw. Berlin: Im August 1850 in Sanssouci, im März 1855 in Berlin. Humboldt hat die erste Auflage von Lyells Hauptwerk intensiv studiert, die neunte jedenfalls besessen. Sehr ausführlich hat er sich mit Lyells Manual of Elementary Geology  beschäftigt und war besonders an Lyells Erkenntnissen über Madeira und die Kanarischen Inseln interessiert.

 

 

Humboldts Briefe an Lyell und Pertz vom 1. März 1855

Humboldt an Lyell

Abb.1.: Humboldt an Lyell [Berlin, 1.3.1855] Handschrift: Ms. McP 569, Box 44, Folder 30, William McPherson Papers, H.Mss.0524, Special Collections, Honnold/Mudd Library, Claremont, California
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[Berlin, 1.3.1855]

Handschrift: Ms. McP 569, Box 44, Folder 30, William McPherson Papers, H.Mss.0524, Special Collections, Honnold/Mudd Library, Claremont, California

Monsieur,

Je ne saurois Vous remercier assez vivement, mon respectable ami, Vous et l’aimable Lady Lyell de l’honneur que Vous m’avez fait, du souvenir précoce que Vous avez donné à un vieillard décrépit. Je vous demande en grâce de vouloir bien me recevoir ce matin à Votre hôtel un peu avant 2h. et si cela priveroit Votre famille de Votre visite à la même heure, de me faire dire de bouche si Lady Lyell[1] préfère que je me rende  à la même heure (2h) chez mon excellent confrère Mr Pertz[2]. Je possède par vos bontés un important petit écrit sur Ténériffe[3], région sur laquelle vous allez répandre de nouvelles clartés! Agréez, je vous supplie, Vous, Monsieur le chevalier, et Lady  Lyell l’hommage d’un respectueux dévouement qui date de bien loin.

V[otre] t[rès]  h[umble] et t[rès] o[béissant] serv[iteur]

AlHumboldt
à jeudi matin

 

 

Humboldt an Pertz

Berlin, 1.3.1855

Abb.2.: Humboldt an Lyell [Berlin, 1.3.1855] Handschrift: Ms. McP 569, Box 44, Folder 30, William McPherson Papers, H.Mss.0524, Special Collections, Honnold/Mudd Library, Claremont, California
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Handschrift: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung Nachlass 480 (Sammlung Runge) 1, M. 9, Nr. 2

Teildruck: Beck 1959, S. 361.

Ich habe eben diesen Morgen den vortreflichen Sir Charles Lyell gebeten, mich noch heute bei Sich zu empfangen und mich der liebenswürdigen Lady Lyell selbst vorzustellen od., wenn es der Lady angenehm wäre, mir für heute (später) ein rendez-Vous bei Ihnen, Verehrtester College zu geben. Ich bin übermässig erfreut über die Ankunft meines vieljährigen Freundes. Ihre liebe Einladung zu Sonnabend Abend kann ich leider! nicht annehmen, da der Geburtstag der einen Tochter[4] der Ministerin Bülow[5] mich zwingt in einen entfernten Theil der Stadt zu gehen. Herzlichen Dank für die Pseudo Schilleriana deren Ebenbürtigkeit Schillers Tochter[6] den Ihrigen gleich sezt, wie der untrügliche Eckermann!![7]

       Verehrungsvoll,

                               Ihr        
                                           gehorsamster   
                                           AlHumboldt

Berlin 1 Merz           
       1855           

 

Literaturverzeichnis

Beck, Hanno (Hrsg.). 1959. Gespräche Alexander von Humboldts. Berlin: Akademie Verlag.

Humboldt, Alexander von. 2006. Briefe von Alexander von Humboldt an Christian Carl Josias Bunsen, neu ediert von Ingo Schwarz. Berlin: Rohrwall Verlag. (Neudruck der Ausgabe Leipzig: Brockhaus, 1869).

Lyell, Charles. 1830-1833. Principles of Geology, Being an Attempt To Explain the Former Changes of the Earth’s Surface, By Reference To Causes Now In Operation. 3 volumes. London: John Murray. (Nachdruck Chicago/London: University of Chicago Press, 1990 with a new Introduction and a Bibliography of Lyell’s Sources compiled by Martin J. S. Rudwick).

Lyell, Charles.1853. Principles of Geology; or, the Modern Changes of the Earth and its Inhabitants Considered as Illustrative of Geology. Ninth and entirely revised edition. London: John Murray.

Lyell, Charles. 1855. Manual of Elementary Geology. London.

Lyell, Katherine M. (ed.). 1881. Life Letters and Journals of Sir Charles Lyell, Bart, Author of ‚Principles of Geology’ etc., edited by his sister-in-law, Mrs. Lyell. 2 volumes. London: John Murray. (Nachdruck Westmead, Farnborough: Gregg International Publishers, 1970).

Stevens, Henry. 1863. The Humboldt Library, A Catalogue of the Library of Alexander von Humboldt with a Bibliographical and Biographical Memoir. London: Henry Stevens. (Reprint 1967).

Wilson, Leonard G. 1973. Lyell, Charles. In: Dictionary of Scientific Biography VIII, 563-576.

Danksagung

Ich danke Roswitha Burwick (Claremont), Charles B. Greifenstein (Philadelphia), Manfred Ringmacher, Ingo Schwarz (beide Berlin) für nützliche Hinweise, Michael P. Palmer, Carrie Marsh (Claremont) und Jutta Weber (Berlin) für die Genehmigung, die Briefe an Lyell bzw. Pertz zu veröffentlichen.

 

Zitierweise

Knobloch, Eberhard (2014): Der Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Charles Lyell: Ein Überblick. In: HiN - Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (Potsdam - Berlin) XV, 28, S. 7-13. Online verfügbar unter <http://www.uni-potsdam.de/u/romanistik/humboldt/hin/hin28/knobloch.htm>

Permanent URL unter <http://opus.kobv.de/ubp/abfrage_collections.php?coll_id=594&la=de>


 

[1]  Mary Lyell, geb. Horner (1808-1873).

[2]  Georg Heinrich Pertz (1795-1876), seit 5.11.1840 Korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, seit 1842 Oberbibliothekar der Königlichen Bibliothek in Berlin. Pertz war seit 1853 in 2. Ehe mit Leonore Horner, der Schwester von Mary Lyell, verheiratet.

[3]  Eine solche Schrift Lyells ist nicht nachweisbar. Falls Lyell der Autor war, handelt es sich vielleicht um: On Craters of Denudation, with Observations on the Structure and Growth of Volcanic Cones. In: The quarterly Journal of the Geological Society of London 6 (1850), 207-234. Dort ist u.a. von den Inseln La Palma und Teneriffa die Rede. Oder Humboldt verwechselte Teneriffa mit Madeira. In dem Fall käme in Frage: On the geology of some parts of Madeira. In: The quarterly Journal of the Geological Society of London 10 (1854), 325-328.

[4]  Caroline von Bülow (27.2.1826 – 19.11.1887).

[5]  Gabriele von Bülow (1802-1887), Tochter Wilhelm von Humboldts, Witwe von Heinrich von Bülow (1791-1846).

[6]   Emilie von Gleichen-Rußwurm, geb. Schiller (1804-1872), lebte eine Zeit lang in der Familie Wilhelm von Humboldts. 

[7]   Johann Peter Eckermann (1792-1854), Schriftsteller, seit 1823 Vertrauter und literarischer Gehilfe Goethes.

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Letzte Aktualisierung: 15 August 2014 | Kraft
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